Die versteckten Risiken passiver Anlagestrategien I
Kein anderer Trend hat die moderne Finanzwelt so tiefgreifend verändert wie die Welle des passiven Investierens. Mit seinen Versprechungen von geringen Kosten, Diversifizierung und langfristiger Rendite ist er zur Standardstrategie für Millionen von Privatanlegern und institutionellen Investoren geworden. In den vergangenen zehn Jahren haben Indexfonds und ETFs von unaufhaltsamen Kapitalzuflüssen profitiert, während aktive Manager mit stetigen Abflüssen konfrontiert waren.
Bereits heute machen passive Anlageinstrumente schätzungsweise rund 50 Prozent der globalen Aktienmarktkapitalisierung aus und aller Voraussicht nach wird die Zahl weiter steigen. Die Kapitalflüsse selbst sind nicht in erster Linie das Ergebnis bewusster Anlageentscheidungen, sondern die eines komplexen Geflechts aus automatisierten Standardeinstellungen, politischen Anreizen und regulatorischen Rahmenbedingungen. Allerdings wird dies von den meisten Anlegern kaum wahrgenommen.
Irrtümliche Annahme
Es steht außer Frage, dass passives Investieren unbestreitbare Vorteile bietet. So demokratisiert es den Zugang zu den Finanzmärkten und ermöglicht damit Anlegern zu minimalen Kosten diversifizierte Portfolios zu besitzen. Sein rasantes Wachstum veranschaulicht jedoch ein klassisches wirtschaftliches Paradoxon, nämlich den Fehlschluss der Zusammensetzung. Es ist eine irrtümliche Annahme dass das, was für den Einzelnen rational ist, zwangsläufig auch für das System gut ist. Für den einzelnen Investor ist der Kauf eines Indexfonds sinnvoll. Wenn es jedoch die Mehrheit tut beginnt der Mechanismus, der die Effizienz der Märkte aufrechterhält, also die aktive Preisfindung, zu erodieren.
Erhebt sich eine Person bei einem Konzert von ihrem Platz, verbessert sich die Sicht. Stehen alle auf, verbessert sich die Situation für niemanden. Ebenso kann es zu einer verminderten Effizienz und zu verzerrten Preisen kommen wenn alle passiv investieren. Passive Strategien sind zwar auf individueller Ebene effizient, aber ihre kollektive Dominanz birgt tiefgreifende und oft versteckte Risiken, die die Grundlagen moderner Märkte in Zweifel ziehen.
Zwei zentrale Auffassungen
Die grundlegende Annahme hinter passivem Investieren fußt auf zwei zentralen Auffassungen. Zum einen der Markteffizienz, d.h. die Preise spiegeln alle verfügbaren Informationen wider und somit ist ein Versuch sinnlos, den Markt zu übertreffen. Zum anderen die Marktneutralität; womit gemeint ist, dass passives Investieren keinen wesentlichen Einfluss auf die Preise hat. Allerdings sind beide Annahmen fehlerhaft. Der Gedanke, dass passives Investieren die Preise nicht beeinflusst und sie den wahren Wert des jeweiligen Unternehmens reflektieren, ist mehr als fragwürdig. Diese Annahme trifft nur dann zu, wenn die Märkte von aktiven Teilnehmern dominiert werden die Unternehmen analysieren, Bewertungen hinterfragen und Fehlbewertungen korrigieren. Sofern jedoch die aktive Beteiligung zurückgeht, verlieren die Märkte diese Selbstkorrekturfunktion und werden weniger wirksam.
Passiv ist in Realität nicht passiv
Sehr häufig werden passive Strategien als statisch dargestellt, in der Realität beinhalten sie allerdings ständige Käufe und Verkäufe. Diese werden getrieben durch Zuflüsse von Anlegern, Rücknahmen, Indexaufnahmen und -streichungen sowie regelmäßigen Neugewichtungen. Die Transaktionen können die Preisbildung an den Märkten erheblich beeinflussen. Passiv investieren ist algorithmisch, reflexiv und prozyklisch.
Passive Manager behaupten gerne, dass ihre Fonds lediglich den Markt wiedergeben, allerdings prägen sie ihn in Wahrheit. Wenn Milliarden von Dollar in Indexfonds fließen oder aus ihnen abgezogen werden, bewegen sie gleichzeitig ganze Aktienkörbe, Marktschwankungen werden verstärkt und tragen zu Preisbewegungen bei.